Notizblog

  • 25 years after

    Jeder, der damals bereits gelebt hat und alt genug war, um zu verstehen, was geschah, kann sich daran erinnern – und daran, wo er sich am 11. September 2001 befand, als das Unvorstellbare passierte.

    Ich zum Beispiel war mit meiner damaligen Freundin auf einem späten Sommerurlaub in Griechenland. Wir hatten ein Auto gemietet und die wichtigsten historischen Stätten des Festlandes, darunter Mykene, Olympia, Nemea, Athen und Korinth, besichtigt.

    Am späten Nachmittag des 11. September hatten wir in irgendeiner Privatpension in der Nähe der byzantischen Stadt Mystras eingecheckt. Meine Freundin war duschen, ich sah mir die Nachrichten auf CNN an.

    Mehr oder weniger live verfolgte ich, wie in kurzem Abstand die ersten zwei Flugzeuge in die beiden Türme des World Trade Center krachten.

    Ich weiß noch, was mir damals beim ersten Flugzeug durch den Kopf ging:

    Ein Unfall. Das muss ein Unfall sein.

    Doch als wenig später das zweite Flugzeug in den anderen Turm raste, war mir klar:

    Das ist ein Anschlag.

    Die Bilder haben sich damals für immer in mein Gedächtnis eingebrannt, auf CNN und sämtlichen Kanälen liefen die Filmaufnahmen in den darauffolgenden Tagen rund um die Uhr.

    Wer so etwas sieht, kann es nie mehr vergessen.

    Anschläge dieser Größenordnung hat es seither – zum Glück – keine mehr gegeben.

    Doch es fanden zahlreiche terroristische Attacken, auch auf meinem Heimatkontinent Europa, statt.

    Die Welt ist, so denke ich, unterm Strich trotzdem friedlicher geworden und wird es von Tag zu Tag immer mehr. Ausreißer gibt es zwar, doch die generelle Tendenz zu mehr Gewaltlosigkeit setzt sich fort.

    Das ist die gute Nachricht.

    Radikalisierte Gruppen oder Individuen gab es immer schon, religiöse, rechte und linke. Und wahrscheinlich wird es sie immer geben.

    Das ist die schlechte Nachricht.

    Doch sie sollte uns nicht dazu verführen, in Pessimismus zu ertrinken.

    Im Gegenteil:

    Es lohnt sich, an die Menschheit zu glauben, auch wenn sie immer wieder zu grauenvollen Taten fähig ist.

  • Die Unmoral der Geschichte

    Der Fall „Arday“ hat viel Staub aufgewirbelt.

    Die Geschichte jenes Mannes, der alle möglichen Dinge über sein Privatleben und seine berufliche Laufbahn behauptet hat, von denen viele nachweislich nicht stimmen und einige zumindest nicht belegt werden konnten, ging durch viele Medien.

    Das lag nicht nur daran, dass Jason Arday vor kurzem tot aufgefunden worden war und wahrscheinlich Suizid begangen haben dürfte, sondern auch und wohl vor allem an der Tatsache, dass er schwarz war.

    Jason Arday hatte behauptet, „Visiting Professor“ an der Ohio State University sowie an der University of Glasgow gewesen zu sein und einen Master in Psychodynamic Practices/Psychodynamic Counselling an Birkbeck, University of London absolviert zu haben und anschließend als Counsellor qualifiziert worden zu sein. Die ersten beiden Universitäten bestreiten diese Behauptungen, an der dritten lassen sich keine entsprechenden Unterlagen finden.

    Außerdem hatte Arday von einer Buchpublikation gesprochen, die es (noch) nicht gibt, sowie seine Teilnahme bei diversen Charity-Veranstaltungen angeführt und auch, dass er im Zuge solcher Veranstaltungen – die oft einen Sporthintergrund aufwiesen – über fünf Millionen Pfund gesammelt hätte.

    Die sportlichen Höchstleistungen, die er laut eigenen Angaben in diesem Kontext erbracht haben soll, klingen unglaublich.

    So hatte er beispielsweise davon erzählt, dass er 30 Marathons in 35 Tagen absolviert habe sowie 300 Meilen auf einem Laufband gelaufen sei und 600 Meilen in sechs Tagen. Das ist zwar nicht prinzipiell unmöglich, aber doch eher unwahrscheinlich.

    Für die Geschichte, Unbekannte hätten vor dem Haus seiner Eltern einen Schweinskopf abgelegt, gibt es ebenfalls keinerlei Belege, obwohl ein solcher Vorfall mit ziemlicher Sicherheit von der Polizei aufgenommen worden wäre.

    Das Spannende am Fall Arday ist aus meiner Sicht, wie Medien und die akademische Welt damit umgegangen sind.

    Letztere hat sich aus meiner Sicht von Anfang an sehr unkritisch dem vermeintlichen Wunderkind Jason Arday gegenüber verhalten, seine Behauptungen ungeprüft übernommen und ihm den Weg zu einer Karriere als Universitätsprofessor geebnet.

    Kritiker Ardays hingegen wurden von Anfang an als „rechts“ bis „rassistisch“ verunglimpft, der Sachgehalt ihrer Kritik jedoch gar nicht erst überprüft.

    Bei Medien sieht die Sache etwas anders aus: Viele von ihnen sehen Arday mittlerweile äußerst kritisch, doch es gibt einige linksliberale bis linke Medien, die auch jetzt noch davon sprechen, dass Jason Arday einer rassistischen Kampagne zum Opfer gefallen sei.

    Das Problem am Rassismus-Vorwurf scheint mir jedoch:

    Jason Arday selbst hatte sich genau dieses Vorwurfs bedient, um Kritiker mundtot zu machen.

    Der Vorwurf seiner Kritiker wiederum, er wäre ein gutes Beispiel dafür, wie „Affirmative Action“ scheitern kann, scheint mir legitim.

    Es ist ein fundamentaler Eckpfeiler moderner Wissenschaft, davon auszugehen, dass unsere Erkenntnisse von heute schon morgen widerlegt sein könnten.

    Ein Wissenschafter und mit ihm der institutionelle Wissenschaftsbetrieb sowie ihm wohlwollend gegenüberstehende Medien können diesen Eckpfeiler nicht einfach herausreißen, indem sie postulieren, dass das Prinzip der Falsifikation (siehe Karl Popper) im Falle von Individuen, die einer Gruppe angehören, die vielleicht einmal Diskriminierung erfahren hat oder immer noch erfährt, nicht zur Anwendung kommen darf.

  • Odyssee der politischen Korrektheit

    Die Neuverfilmung der „Odyssee“ durch Christopher Nolan, soeben in die heimischen Kinos gekommen, sorgte bereits im Vorfeld für eine Kontroverse.

    Worum geht es?

    Kritiker sagen: Die „schöne Helena“ kann nicht von einer Schwarzen dargestellt werden.

    Doch genau das hat Nolan mit der Wahl der Schauspielerin Lupita Nyong’o getan.

    Jene, die den Regisseur verteidigen, begründen das so:

    Die „Odyssee“ ist eine fiktionale Erzählung, ein Epos, die Figuren sind frei erfunden und können daher in einer Verfilmung aussehen wie auch immer es den Produzenten beliebt.

    Das ist eine Meinung, über die man streiten kann und diskutieren sollte. Doch das wollen Jene, die sie vertreten, gar nicht. Denn sie fügen ihrem Statement auch noch folgendes hinzu:

    „Wer das anders sieht, ist ein Rassist.“

    Ende der Debatte.

    Um diese These zu untermauern, werden Menschen zitiert, welche die Besetzung kritisieren und schon seit längerem unter Verdacht stehen, rechts zu sein, wie etwa Elon Musk.

    Das Problem an dieser Argumentation:

    Die fiktionale Gestalt der „Helena“ wird im Werk Homers als „weißarmig“ beschrieben – und das ist meines Erachtens ziemlich unzweideutig.

    Außerdem wurde sie als die schönste Frau der damals bekannten Welt beschrieben (was ja auch in weiterer Folge zum Trojanischen Krieg führte).

    Das Schönheitsideal der griechischen Antike waren aber tatsächlich hellhäutige Menschen.

    Und zwar deshalb, weil freie, wohlhabende Männer und Frauen – im Unterschied zu Sklaven und armen Menschen – ihr Überleben nicht durch Arbeit auf dem Feld in der prallen Sonne sichern mussten und daher auch nicht von ihr gebräunt wurden.

    Das Argument, „Die ganze Story ist doch nur eine Fiktion, also seid bitte nicht so kleinlich, ihr blöden Rassisten!“, ist selbst von ideologischem Fanatismus durchzogen.

    Man muss kein Rechter und auch kein Rassist sein, um auch bei fiktionalen Stoffen auf eine gewisse Werktreue und historische Konsistenz zu pochen.

    Müssen Rollen, die nicht per se darauf angelegt sein, mit bestimmten Personen besetzt werden, um ein vergangenes Unrecht wieder gut zu machen?

    Wäre es nicht besser, solchen Menschen ihre eigenen Epen zu gönnen, anstatt sie auf Biegen und Brechen in bereits bestehende hinein zu drücken?

    Es gibt eine Menge Filme, die genau solche Personen als stark präsentieren, man denke etwa an Lara Croft in „Tomb Raider“ oder an die Protagonisten in den „Black Panther“-Filmen, die nicht nur weiblich oder schwarz, sondern beides zugleich sind (z.B. General Okoye, dargestellt von Danai Gurira).

    Man kann also durchaus auf intelligente Weise politisch korrekt sein.

  • Das Ende des Diskurses

    Die Wiener Festwochen haben Peter Thiel, den US-amerikanischen Tech-Milliardär, also wieder ausgeladen. Die Entscheidungen dazu trafen der Intendant, Milo Rau, und die Geschäftsführerin, Artemis Vakianis.

    Ein Gespräch zwischen Thiel und dem Theologen Wolfgang Palaver unter dem Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ hätte unter der Leitung von Rau am 7. Juni im Hotel Intercontinental in Wien stattfinden sollen.

    Warum kam es zu der Absage?

    Milo Rau: „Aus meiner Verantwortung für das Gesamtprogramm musste ich mich leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel entscheiden, obwohl ich diese extrem spannend und im Rahmen der ‚Republic of Gods‘ thematisch konsequent gefunden hätte.“

    Tatsächlich hatten mehrere Beteiligte des künstlerischen Programms mit einer Absage gedroht, falls die Veranstaltung mit Peter Thiel über die Bühne gehen würde.

    Nun kann man zu Thiel und seinen Ansichten stehen, wie man will. Und auch mit jemandem nicht diskutieren zu wollen, der fundamental andere Ansichten vertritt als man selbst, ist prinzipiell legitim.

    Doch anderen Menschen ein Gespräch mit solchen Personen zu verbieten, ist extrem problematisch – und die Erpressung durch die erwähnten Künstler läuft genau darauf hinaus.

    Warum weigern sich viele vor allem links sozialisierte Intellektuelle, mit einem „Rechten“ (was immer das in Bezug auf Peter Thiel heißen mag) in den Ring zu steigen? Liegt es wirklich nur daran, dass man ihm keine öffentliche Plattform und damit die Möglichkeit bieten möchte, seine – vielleicht – kruden Thesen zu verbreiten?

    Das ist im Fall von Thiel insofern absurd, als er und seine Thesen schon längst bekannt sind. Und jeder, der sich detaillierter damit befassen möchte, kann das mit ein wenig Recherche tun.

    Könnte es vielleicht auch daran liegen, dass man sich davor fürchtet, in einer solchen öffentlichen Diskussion dem Gegenüber rhetorisch oder vielleicht sogar argumentativ bei dem einen oder anderen Punkt unterlegen sein zu können?

    Falls dies zutrifft, fände ich es traurig.

    Unsere „public intellectuals“ sollten eigentlich jede Möglichkeit nutzen, problematischen Thesen mit Vernunft – also mit Logik und wissenschaftlicher Empirie – entgegenzutreten.

    Das Gespräch mit Peter Thiel wäre eine gute Gelegenheit gewesen.

  • Was für ein absurdes Theater!

    Ja eh, man kann die Regierung Israels kritisieren!

    Keine Sorge, ich werde hier nicht den Nahostkonflikt kommentieren, das haben schon Klügere als ich getan – und sind kläglich daran gescheitert.

    Ich werde auch nicht über den israelischen Regierungschef und die Politiker seiner Koalition schreiben, denn auch darum geht es mir nicht.

    Was mich als Wiener dieser Tage – gestern war das Finale des diesjährigen ESC, der heuer in Wien ausgetragen wurde, weil er letztes Jahr von dem österreichischen Countertenor JJ mit dem Song „Wasted Love“ gewonnen worden ist – umtrieb:

    Die von vielen Menschen in vielen Ländern erhobene Forderung, Israel nicht am ESC teilnehmen zu lassen.

    Wegen seiner Nahostpolitik.

    Doch was genau bedeutet das?

    Der ESC ist ein Musikwettbewerb, zu dem Künstler anreisen, die zwar nominell ein Land vertreten. Doch damit ist nicht gesagt, dass sie dieses Land in allen Aspekten oder in allen politisch relevanten Aspekten vertreten.

    Dieser Musikwettbewerb bietet die Gelegenheit, als Künstler aus einem bestimmten Land, mit einer Botschaft die Welt zu bereisen:

    Friede, Freude, Eierkuchen – und natürlich:

    Musik als die vereinende Kraft jenseits aller Differenzen.

    Ich persönlich hätte ein Problem damit, wenn wir damit anfangen würden, Länder oder besser gesagt einzelne Künstler aus- oder gar nicht erst einzuladen, weil wir mit der offiziellen Politik der entsprechenden Länder nicht einverstanden sind.

    Der Fanatismus des Schwarz/Weiß, der klaren Zuordnung zum Team der Guten oder dem der Bösen, ist die größte intellektuelle Seuche unserer Zeit.

    Wir sollten sie rasch wieder loswerden und uns zugleich gegen künftige Infektionen immunisieren.