Notizblog

  • Odyssee der politischen Korrektheit

    Die Neuverfilmung der „Odyssee“ durch Christopher Nolan, soeben in die heimischen Kinos gekommen, sorgte bereits im Vorfeld für eine Kontroverse.

    Worum geht es?

    Kritiker sagen: Die „schöne Helena“ kann nicht von einer Schwarzen dargestellt werden.

    Doch genau das hat Nolan mit der Wahl der Schauspielerin Lupita Nyong’o getan.

    Jene, die den Regisseur verteidigen, begründen das so:

    Die „Odyssee“ ist eine fiktionale Erzählung, ein Epos, die Figuren sind frei erfunden und können daher in einer Verfilmung aussehen wie auch immer es den Produzenten beliebt.

    Das ist eine Meinung, über die man streiten kann und diskutieren sollte. Doch das wollen Jene, die sie vertreten, gar nicht. Denn sie fügen ihrem Statement auch noch folgendes hinzu:

    „Wer das anders sieht, ist ein Rassist.“

    Ende der Debatte.

    Um diese These zu untermauern, werden Menschen zitiert, welche die Besetzung kritisieren und schon seit längerem unter Verdacht stehen, rechts zu sein, wie etwa Elon Musk.

    Das Problem an dieser Argumentation:

    Die fiktionale Gestalt der „Helena“ wird im Werk Homers als „weißarmig“ beschrieben – und das ist meines Erachtens ziemlich unzweideutig.

    Außerdem wurde sie als die schönste Frau der damals bekannten Welt beschrieben (was ja auch in weiterer Folge zum Trojanischen Krieg führte).

    Das Schönheitsideal der griechischen Antike waren aber tatsächlich hellhäutige Menschen.

    Und zwar deshalb, weil freie, wohlhabende Männer und Frauen – im Unterschied zu Sklaven und armen Menschen – ihr Überleben nicht durch Arbeit auf dem Feld in der prallen Sonne sichern mussten und daher auch nicht von ihr gebräunt wurden.

    Das Argument, „Die ganze Story ist doch nur eine Fiktion, also seid bitte nicht so kleinlich, ihr blöden Rassisten!“, ist selbst von ideologischem Fanatismus durchzogen.

    Man muss kein Rechter und auch kein Rassist sein, um auch bei fiktionalen Stoffen auf eine gewisse Werktreue und historische Konsistenz zu pochen.

    Müssen Rollen, die nicht per se darauf angelegt sein, mit bestimmten Personen besetzt werden, um ein vergangenes Unrecht wieder gut zu machen?

    Wäre es nicht besser, solchen Menschen ihre eigenen Epen zu gönnen, anstatt sie auf Biegen und Brechen in bereits bestehende hinein zu drücken?

    Es gibt eine Menge Filme, die genau solche Personen als stark präsentieren, man denke etwa an Lara Croft in „Tomb Raider“ oder an die Protagonisten in den „Black Panther“-Filmen, die nicht nur weiblich oder schwarz, sondern beides zugleich sind (z.B. General Okoye, dargestellt von Danai Gurira).

    Man kann also durchaus auf intelligente Weise politisch korrekt sein.

  • Das Ende des Diskurses

    Die Wiener Festwochen haben Peter Thiel, den US-amerikanischen Tech-Milliardär, also wieder ausgeladen. Die Entscheidungen dazu trafen der Intendant, Milo Rau, und die Geschäftsführerin, Artemis Vakianis.

    Ein Gespräch zwischen Thiel und dem Theologen Wolfgang Palaver unter dem Titel „Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik“ hätte unter der Leitung von Rau am 7. Juni im Hotel Intercontinental in Wien stattfinden sollen.

    Warum kam es zu der Absage?

    Milo Rau: „Aus meiner Verantwortung für das Gesamtprogramm musste ich mich leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel entscheiden, obwohl ich diese extrem spannend und im Rahmen der ‚Republic of Gods‘ thematisch konsequent gefunden hätte.“

    Tatsächlich hatten mehrere Beteiligte des künstlerischen Programms mit einer Absage gedroht, falls die Veranstaltung mit Peter Thiel über die Bühne gehen würde.

    Nun kann man zu Thiel und seinen Ansichten stehen, wie man will. Und auch mit jemandem nicht diskutieren zu wollen, der fundamental andere Ansichten vertritt als man selbst, ist prinzipiell legitim.

    Doch anderen Menschen ein Gespräch mit solchen Personen zu verbieten, ist extrem problematisch – und die Erpressung durch die erwähnten Künstler läuft genau darauf hinaus.

    Warum weigern sich viele vor allem links sozialisierte Intellektuelle, mit einem „Rechten“ (was immer das in Bezug auf Peter Thiel heißen mag) in den Ring zu steigen? Liegt es wirklich nur daran, dass man ihm keine öffentliche Plattform und damit die Möglichkeit bieten möchte, seine – vielleicht – kruden Thesen zu verbreiten?

    Das ist im Fall von Thiel insofern absurd, als er und seine Thesen schon längst bekannt sind. Und jeder, der sich detaillierter damit befassen möchte, kann das mit ein wenig Recherche tun.

    Könnte es vielleicht auch daran liegen, dass man sich davor fürchtet, in einer solchen öffentlichen Diskussion dem Gegenüber rhetorisch oder vielleicht sogar argumentativ bei dem einen oder anderen Punkt unterlegen sein zu können?

    Falls dies zutrifft, fände ich es traurig.

    Unsere „public intellectuals“ sollten eigentlich jede Möglichkeit nutzen, problematischen Thesen mit Vernunft – also mit Logik und wissenschaftlicher Empirie – entgegenzutreten.

    Das Gespräch mit Peter Thiel wäre eine gute Gelegenheit gewesen.

  • Was für ein absurdes Theater!

    Ja eh, man kann die Regierung Israels kritisieren!

    Keine Sorge, ich werde hier nicht den Nahostkonflikt kommentieren, das haben schon Klügere als ich getan – und sind kläglich daran gescheitert.

    Ich werde auch nicht über den israelischen Regierungschef und die Politiker seiner Koalition schreiben, denn auch darum geht es mir nicht.

    Was mich als Wiener dieser Tage – gestern war das Finale des diesjährigen ESC, der heuer in Wien ausgetragen wurde, weil er letztes Jahr von dem österreichischen Countertenor JJ mit dem Song „Wasted Love“ gewonnen worden ist – umtrieb:

    Die von vielen Menschen in vielen Ländern erhobene Forderung, Israel nicht am ESC teilnehmen zu lassen.

    Wegen seiner Nahostpolitik.

    Doch was genau bedeutet das?

    Der ESC ist ein Musikwettbewerb, zu dem Künstler anreisen, die zwar nominell ein Land vertreten. Doch damit ist nicht gesagt, dass sie dieses Land in allen Aspekten oder in allen politisch relevanten Aspekten vertreten.

    Dieser Musikwettbewerb bietet die Gelegenheit, als Künstler aus einem bestimmten Land, mit einer Botschaft die Welt zu bereisen:

    Friede, Freude, Eierkuchen – und natürlich:

    Musik als die vereinende Kraft jenseits aller Differenzen.

    Ich persönlich hätte ein Problem damit, wenn wir damit anfangen würden, Länder oder besser gesagt einzelne Künstler aus- oder gar nicht erst einzuladen, weil wir mit der offiziellen Politik der entsprechenden Länder nicht einverstanden sind.

    Der Fanatismus des Schwarz/Weiß, der klaren Zuordnung zum Team der Guten oder dem der Bösen, ist die größte intellektuelle Seuche unserer Zeit.

    Wir sollten sie rasch wieder loswerden und uns zugleich gegen künftige Infektionen immunisieren.

  • Frühling in Budapest?

    Die Wahlen in Ungarn sind geschlagen, die Fidesz-Partei und ihr Chef, der langjährige Ministerpräsident Viktor Orbán, sind es ebenfalls.

    Denn der künftige Regierungschef Péter Magyar hat mit seiner neuen Partei TISZA einen überragenden Sieg eingefahren: 53,2 Prozent und somit die absolute Mehrheit an Wählerstimmen – bei einer Rekordwahlbeteiligung von rund 79 Prozent.

    Was bedeutet das nun für unser Nachbarland? Wird Magyar die konservative Politik seines Vorgängers konterkarieren, ein liberales Ungarn schaffen, das wieder mit der EU zusammenarbeitet anstatt gegen sie, und das ihre zentralen Werte teilt?

    Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, aber die ersten Signale aus Ungarn sind eher zweideutig, mit Sicherheit aber nicht klar zugunsten einer Liberalisierung des Landes zu deuten.

    Zwar hat der Neue angekündigt, das System aus Korruption, das Viktor Orbán etabliert hat, zu bekämpfen. Doch ob ihm das gelingt, ist fraglich, da viele der Positionen, die sein Vorgänger mit Getreuen besetzt hat, nicht so einfach neu besetzt werden können.

    Auch dass Magyar die offizielle Linie seines Landes gegenüber Russland um 180 Grad drehen wird, ist nicht zu erwarten, ist Ungarn doch von russischem Gas abhängig.

    Bleibt die Frage, wie es um die gesellschaftspolitische Haltung von Péter Magyar steht.

    Ein wichtiger Lackmustest dafür dürfte wohl seine Einstellung gegenüber der LGBTQ-Community sein. Zwar hat Magyar diesbezüglich bereits öffentlich einen gewissen Liberalismus zu erkennen gegeben:

    „Jeder soll mit demjenigen zusammenleben und denjenigen lieben, den er möchte, solange er nicht gegen Gesetze verstößt und anderen nicht schadet.“

    Doch läßt sich dieses Zitat auch als geschickte Nicht-Antwort interpretieren, die Deutungen in jede Richtung erlaubt.

    Denn es schließt definitiv nicht aus, dass die Gesetze auch weiterhin konservativ bleiben könnten.

  • #metoorf

    Hat er oder hat er nicht eine Mitarbeiterin sexuell belästigt?

    Es geht um Roland Weißmann, bis vor kurzem noch amtierender Generaldirektor des ORF.

    Die Frage, ob er sich etwas zu Schulden hat kommen lassen, muss geklärt werden.

    Und falls Weißmann tatsächlich juristisch etwas vorzuwerfen ist, soll er die rechtlichen Konsequenzen tragen.

    Im Zuge der #metoo-Bewegung sind einige prominente Fälle von Männern (allerdings auch ein paar von Frauen) publik geworden, bei denen diese sich auf unerwünschte Weise anderen Menschen sexuell angenähert haben.

    Das ist prinzipiell zu verurteilen, ohne Ansehen von Rang und Namen des jeweiligen Täters. Prominente Personen dürfen also keine Schonung erfahren.

    Doch das ist nur die eine Seite der Medaille.

    Denn tatsächlich kommt es immer wieder zu falschen Anschuldigungen, man denke an den Fall Jörg Kachelmann.

    So wichtig es auch sein mag, (sexuelle) Gewalt zu bekämpfen, dieses legitime Vorhaben darf nicht zu einer Beschuldigungskultur führen, bei der Menschen nach Belieben mit Vorwürfen konfrontiert werden können, die ungeprüft an die Öffentlichkeit gelangen und den Ruin der Beschuldigten bewirken könnten.

    Der aktuelle Fall im ORF ist noch ungeklärt, die Details zu den Vorwürfen sind öffentlich noch nicht bekannt.

    Weißmann selbst, der mehr oder weniger freiwillig zurückgetreten ist, hat über seinen Anwalt verlauten lassen, dass die Vorwürfe der Mitarbeiterin ungerechtfertigt seien, dass es zu einvernehmlichen Kontakten zwischen ihm und ihr gekommen sei, ihm die Beweise für sein Fehlverhalten bis heute nicht vorgelegt worden seien.

    Es steht also Aussage gegen Aussage.

    Alles Weitere haben die Gerichte zu bewerten.

    Aus ethischer Sicht dürfte der Vorfall und wie damit bisher umgegangen wurde in jedem Fall problematisch sein.